Mendelssohns Anteil an der ersten Ausgabe der Matthäuspassion Bachs, 1830.

Nicht publizierter, nicht vollendeter Aufsatz.
Eduard u Julius Rietz.
Eduard Henschke, Mendelssohns Leipziger Hauptkopist.
FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY UND DER ERSTDRUCK DER MATTHÄUSPASSION
Mendelssohns Name ist zwar mit der erstmaligen Wiederaufführung der MP (1829) nach Bachs Tod
verbunden, kaum aber mit der Erstveröffentlichung der Passion (1830). Ob diese Vorstellung den
Tatsachen vollständig entspricht, sei der Gegenstand dieses Aufsatzes.
Fanny Mendelssohn schreibt am 27.12.1828 an Klingemann: "“ […...] erscheint das Werk bei Schlesinger,
eine Anzahl Platten [der Partitur, T.K.] ist schon fertig"”. Mendelssohn muß die entsprechenden
Abzüge (Probeseiten) im Frühjahr 1829 mit regem Interesse studiert haben. Anzunehmen, Mendelssohn
hätte seinen Befund nicht mit dem Freund Adolph Marx besprochen, wäre abwegig. Der Verleger
Adolf Schlesinger hat Mendelssohn im Dez. 1829 gebeten, Korrektur zu lesen oder jedenfalls sich
die nunmehr fast oder ganz vollständigen Stichproben kritisch anzusehen.
Wer der Editor oder die Editoren der Schlesinger-Ausgabe war bzw. waren, ist ‘nicht mit Sicherheit
’ bekannt, d.h. nicht bekannt; gewöhnlich wird Adolph Marx als vermutlicher Herausgeber genannt.
Eine Interpretation der Tatsache, daß der Druck keinen Herausgeber oder keine Herausgeber
namentlich aufführt, führt zu Spekulationen.1) Unsicher ist auch, welche Handschrift die Vorlage für
die Stecher gewesen ist, es gab bisher nur die Vermutung Friedrich Smends (s.u.). Dazu kann allerdings
einige Klarheit geschaffen werden.
Die Tatsache, daß die Satznumerierung im Klavierauszug des Erstdrucks mit der Satznumerierung
A (die Numerierung Aller Sätze, 1 bis 78) in Mendelssohns Abschrift der MP-Partitur identisch
ist, 2) ist m.W. in diesem Zusammenhang nie ausgewertet worden. Mendelssohns Partitur enthielt
außerdem eine weitere Satznumerierung E (1 bis 35), die nur die Sätze der sogenannten Einrichtung,
die er 1829 aufführte, betraf.
Die Schlesinger-Numerierung ist nicht von den Heinzelmännchen angebracht worden. Es mußte
1º. diskutiert und beschlossen werden daß eine Satznumerierung nicht fehlen durfte und man mußte
sich dann 2º. zu einer bestimmten Numerierung entschließen. Die Partiturabschrift, aus der Schlesingers
Stecher arbeiteten, also die Druckvorlage, sei Smend zufolge Zelter 2 gewesen,3 die verschollene
Mendelssohns MP-Proben dürfte er F.MB’s E-Numerierung in seine Kopie übernommen haben.
4. Diese von Geck versprochene Erörterung konnte ich in seiner Studie leider nicht fundig werden.
5. Geck, S. 17. Er meint Zelter 2. Zelter benutzte diese Partitur als er Mendelssohns Proben zuhörte und hat daraus
vermutlich auch seine eigene Aufführung am 17-04-1829 dirigiert.
6. Bei Kimura fehlt ‘48’, es gibt hier eine Leerstelle in der Spalte. Druckfehler, oder fehlt die Nummer in [L]?
7. Im Zweitdruck des BWV (1990) ist die Satznumerierung der NBA übernommen worden.
8. Hätte Zelter 2 zwei Satznumerierungen, die ursprüngliche " und diejenige von F.MB’s Einrichtung E, gilt
wiederum: Entweder ist " mit [L]-A und Schlesinger identisch, oder nicht identisch.
Partiturabschrift der Singakademie, Signatur 1939b, die Dürr (KB NBA II/5) mit Quelle [K] bezeichnet
hat und deren Notentext mit Mendelssohns Abschrift [L] identisch ist. Smend hat [L] (in Oxford
aufbewahrt) soweit mir bekannt aber nie unter Augen gehabt. Dürr hält Schlesingers Erstdruck für
"einen direkt oder indirekt nach Quelle K hergestellten Druck" (KB NBA II/5, S. 121), was die
Möglichkeit [K] ÷ [L] ÷ Erstdruck ausdrücklich offenläßt, und meint bezüglich [L]: "Der Inhalt […]
stimmt grundsätzlich mit dem des Druckes überein; doch enthält die Partitur aufführungspraktisch
bedingte Zusätze" (o.c., S. 72).
Geck geht einen Schritt weiter: “Die ‘Druckvorlage stand, wie später noch zu zeigen,4 nicht mit der
Zelterschen Probenpartitur,5 sondern mit der Mendelssohnschen Aufführungspartitur in Verbindung”.
Entscheidend ist der nachstehende Ausschnitt aus der Satznummernfolge.
[K] Singak. [L] 1823 Erstdruck 1830 ¹BWV, Peters,- (Zelter 2) F.MB (A) (Schlesinger) Breitkopf usw. - verschollen
? 42 ø 42 42 Rez. Und der HohePriester
? 43 ø 43 Chor Er ist des Todes schuldig
? 44 ø 44 43 Chor Da speyeten sie aus
? 45 ø 45 Chor Weißage uns
? 46 ø 46 44 Choral Wer hat dich so geschlagen
? 47 ø 47 45 Rez. Petrus aber saß drausen
? 46 Chor Warlich, du bist auch
? [48]6 [ø] 48 47 Aria Erbarme dich
? 49 ø 49 48 Choral Bin ich gleich von dir
? 50 ø 50 49 Rez. Des Morgens aber
? 50 Rez. Und er warf die Silberlinge
? 51 ø 51 51 Choral Gebt mir meinen Jesum wieder
Falls sich nun von dem verschollenen [K] = Zelter 2 irgendeine Beschreibung erhalten hätte, woraus
sich entnehmen ließe, wie darin die Sätze 1BWV 42 bis 51 numeriert waren,7 ließe sich diese Numerierung
mit [L] und Schlesinger vergleichen. Da ergäben sich drei Möglichkeiten:
1. Zelter 2 enthält keine Satznumerierung oder nur Mendelssohns E-Numerierung;
2. Zelter 2 enthält eine Numerierung, "; diese ist mit [L]-A und Schlesinger identisch;
3. Zelter 2 enthält eine Numerierung, "; diese ist nicht mit [L]-A und Schlesinger identisch.8
Trifft 1. oder 3. zu, scheint es kein Wagnis, zu folgern, daß die A-Numerierung von F.MB in den
Schlesinger-Kl.-A. übernommen worden ist.
Im zweiten Fall wäre herauszufinden, ob F.MB’s Numerierung A eine Kopie von Zelters Numerierung
" ist, oder ob von der umgekehrten Abhängigkeit die Rede ist.
Dem Kopisten E. Rietz dürfte 1823 aufgetragen worden sein, Zelters mit Tinte geschriebene Partitur
ohne dessen vermutlich mit Bleistift geschriebenen Notizen und Vermerke (worunter Zelters Satznumerierung,
wenn er schon eine eingetragen hatte) für F.MB zu kopieren, möglicherweise Standardprozedur
der Mendelssohns, die nicht zum ersten Mal einen Kopierauftrag erteilten. Wie dem auch sei,
die A-Numerierung in [L] ist von Mendelssohns Hand; Kimura spricht von “behutsamen Eintragungen
wie Satznummer, Vortragsbezeichnung, Tempoangabe, Dynamik, Bindebogen, Akzidens” usw.,
9. Die Berliner Singakademie.
10. Es dürfte Georg Poelschau gemeint sein.
11. Brief von Mendelssohns Mutter Lea an ihre Cousine Henriette von Pereira Arnstein vom 31. August 1832,
wiedergegeben in Wolfgang Dinglinger, Felix Mendelssohn Bartholdys Berliner Intermezzo, S. 107-108 (in:
Mendelssohn-Studien, Bd 13, 2003, hrsgg. v. Rudolf Elvers & Hans-Günter Klein).
die F.MB also nicht nur so hingeworfen, sondern sich zuvor überlegt hatte (Kimura, S. 95). Unklar ist
in dieser Angabe, ob mit ‘Satznummern’ nur die von E, oder auch die von A gemeint sind.
Hat Mendelssohn sich nicht nur seine E-, sondern auch seine A-Numerierung überlegt, hat er die
letztere folglich nicht automatisch aus Zelter 2 kopiert; das ist mit Hinsicht auf die persönlichen
Verhältnisse auch nicht direkt vertretbar; immerhin bleibt die Möglichkeit bestehen, daß Rietz Zelters
(immer unterstellte) Numerierung überhaupt nicht mitkopiert hat. Hier wird Handschriftvergleichung
Auskunft geben können (z.B.: zeigt A Mendelssohns oder Rietz’ Handschrift?).
Nun kennen wir seit kurzem eine Äußerung von FMBs Mutter vom 31.08.1832 :
Zu den 18 oder 19 Kandidaten hat sich neuerdings auch Neukomm gesellt, der eigens von London
dazu gekommen … Ein bei der Akad.9 vielgeltender Mann hat ihn vorgeschlagen,10 dieser
haßt nämlich Felix bloß deßwegen, weil er eine sehr kostbare musikalische Handschriftensammlung
besitzt, u. diese im Werth dadurch verringert worden, daß Felix ein Hauptstück
derselben, die Paßion, zu Oeffentlichkeit u. Druck befördert, obwohl sein Exemplar dazu nicht
benutzt worden, da meine sel. Mutter sie ihm von einem Zelterschen hatte abschreiben lassen.
11 [Zelter † 15.05.1832]
Hier wird ausgesprochen, “daß Felix ein Hauptstück derselben, die Paßion, zu … Druck befördert
[hat]”. und daß Felixens “Exemplar dazu … benutzt worden”.
In den Stimmheften Basso Coro 2do No 9 und 15 findet sich eine Korrektur einer irrigen Satznumerierung.
Beim Schreiben dieser Stimme hat der Kopist den Choral O Haupt voll Blut und Wunden
irrtümlich Nr. 63 (also 63A,), statt Nr. 26 (also 26E), überschrieben. Seine Vorlage enthielt folglich
beide Numerierungen! Das ist ein Indiz dafür, daß seine Vorlage entweder [L] oder (vielleicht) Zelter
2 war. Die letztere Möglichkeit will aber chronologisch nicht passen, denn als dieser Teil der Stimmen
(es handelt sich um die letzten Sätzen) angefertigt wurde (spätestens Jan./Febr. 1829), hatte wohl
Zelter Mendelssohns E-Numerierung noch nicht übernommen, überlegte Mendelssohn seine Auswahl
aus den MP-Sätzen ja mit Devrient, Fanny und womöglich mit Marx, nicht aber mit Zelter.
Erwähnenswert ist noch, was Hauser 1839 aan de uitgever C.F. Peters schrijft: “Warum in aller Welt
berathen Sie sich nicht mit dem ersten Kenner Bachs der lebt, […] : Dr. Felix Mendelssohn. Der hat
von jeher darin gelebt [und] kennt rein jede Note …” (Lehmann, p. 87).
Damit sind die Angreifungspunkte aber nicht erschöpft. So gibt es die Schreibfehler.
In meiner Musikaliensammlung befanden sich 78 Chor-Stimmhefte zu Bachs Matthäus-Passion, von
F.MB in Berlin 1829 und (mit einer Einlage) in Leipzig 1841 benutzt. (Ursprünglich waren es zumindest
8×19=152 Hefte, nebst 9 Solopartien, 10 Cantus-firmus-Blätter für O Lamm Gottes unschuldig
und einiges mehr.)
Einen kompletten Satz, also 8 Hefte, habe ich dem Mendelssohn-Museum zu Leipzig geschenkt, einen
weiteren Satz meiner Alma Mater, der Universität Utrecht, so daß mir im Augenblick 62 Hefte verbleiben.
Von gleicher Wichtigkeit dürfte die Evaluation der anzutreffenden Textvarianten usw. sein. So
findet sich in den Stimmheften des Basso Coro 2do Nr. 1 bis 9 im Eröffnungssatz des 2. Teils "unter
den Weibern", in den übrigen Stimmheften ab Nr. 10 "unter den Frauen", mit Bleistift wieder in
"Weibern" geändert; statt "Hölle" wird "Rache" geschrieben und so mehr. Sind versehentlich oder
absichtlich einige dieser Änderungen sowie auch Mendelssohns dynamischer Anweisungen und
Tempo-Überschriften möglicherweise in den Schlesinger Kl.-A. eingegangen?
Daß Marx, der seine Erdichtungen als Erinnerungen (Verzeihung!) ins Licht gab, eine eigene MPAbschrift
besaß, ist nicht bewiesen. Hätte es diese Abschrift wirklich gegeben, dürfte es angesichts
der damaligen persönlichen Verhältnissen mehr auf der Hand liegen, darin eine Kopie van [L] als von
[K] zu vermuten.
Ließe sich plausibel machen oder gar beweisen, daß Mendelssohns Satznumerierung in den Erstdruck
der MP eingegangen ist, wäre eine weitere greifbare Verbindung zwischen Mendelssohn und Erstausgabe
aufgedeckt worden. Ganze Generationen haben nicht ohne Erfolg Mendelssohns Arbeit in vielen
Hinsichten zu bagatellisiert oder verschwiegen.
Die Frage, die sich am Rande erhebt, weshalb Schlesingers Numerierung von späteren Herausgebern
nicht gehandhabt worden ist, sei für jetzt dahingestellt.
Daß auch Schlesingers Partitur eine Satznumerierung enthält, entspricht nicht der Abneigung Mendelssohns,
in eine Partiturausgabe nicht vom Komponisten herrührenden Bogen, Noten, Tempoangaben,
Satznumerierung etc. aufzunehmen. “[Ich kann] um keinen Preis in eine Händelsche Partitur
Vortragszeichen, Tempo’s oder sonst etwas hineinschreiben, wenn es irgend wie im Unklaren bleibt,
ob sie von mir, oder von Händel sind”.
Es werden Tenorschlüssel im Kl.-A. der MP verwendet.
Hinsichtlich eines Klavierauszuges (von Natur aus ja schon eine Bearbeitung) waren die Maßstäbe
Mendelssohns und mancher seiner Zeitgenossen weniger streng. Entsprechend bezeichnete Mendelssohn
Klavierauszüge als piano-forte arrangement oder arrangement schlechthin, so z.B. im agree-
ment (Verlagsvertrag) mit Joseph Alfred Novello (1836) betreffs der Urheberrechte seines Oratoriums
Paulus.
Daß in Schlesingers MP-Partitur der b.c. nicht beziffert ist en ook niet van accoorden voorzien. maar de instrumentale
partijen weergeeft, pleit niet tegen, eerder vóór F.MB als mede-redacteur, want in zijn editie van
Händels Israel in Egypt (1845/46, Handel Society, London) ging hij op precies dezelfde wijze te werk. De delen
van Israel in Egypt zijn echter (conform Händel maar toch verrassend want onpractisch) in de partituur niet
genummerd (mijn exemplaar is door een vroegere gebruiker met de hand genummerd), dit weer in tegenstelling
tot Mendelssohns eigen Elias ÷ Elijah ÷ Elias (1847), die al in de Gauntlettpartituur (ms., 1846) genummerd
was. Mendelssohn had in tijdnood een deel van het werk aan Israel in Egypt aan Moscheles overgedragen en hem
op het hart gedrukt niets te veranderen, vandaar misschien? In de Handel Society vocal score van Israel in Egypt
(mijn exemplaar wil zich even niet laten vinden), zijnde voor de practijk bedoeld uitvoeringsmateriaal, zou daarentegen
wèl een gedrukte nummering aangetroffen kunnen worden. Im Kl.-A. des Paulus und des Elias sind die
Teile numeriert.